Ich hatte mir vorgenommen, die Woche zwischen den Jahren zu einem Resümee und ausschweifender Introspektive zu nutzen – und bin die ganze Woche davor geflohen. Genauso, wie ich vor einer Entscheidung fliehe, die ich treffen sollte (obwohl ich glaube, dass ich sie schon lange getroffen habe).
Macht es mir Angst, auf das Jahr zurückzublicken? Werde ich etwas erkennen, das ich am liebsten gar nicht sehen möchte?
Ich werde – und ich glaube, das ist das erste Mal in der Geschichte dieses Blogs – einen kleinen Jahresrückblick schreiben. Das ist so ähnlich wie Introspektive …
In diesem Jahr …
… bin ich an meinem Geburtstag den Pfad der Muße und Erkenntnis gegangen und habe in einem schwimmendem Ferienhaus übernachtet; dabei habe ich gelernt, zu schweigen.
… habe ich nach sehr langem Hickhack und frustrierender Für-nichts-Arbeiterei endlich meine zweite Platte veröffentlicht; dabei habe ich gelernt, dass ich meine Pläne und meinen Willen konsequent durchsetzen und meiner Linie immer treu bleiben muss.
… habe ich alle freien Arbeiten, die nicht für Carlsen waren, abgelehnt; dabei ist mir klar geworden, dass ein Nein missfällt – und dennoch hingenommen wird.
… habe ich eine Serie für Carlsen fertiggestellt und eine weitere übernommen; dabei habe ich gelernt, was meine Arbeit wirklich wert ist.
… hatte ich einen heftigen Autounfall, aus dem ich heil und mein Auto komplett kaputt hervorgegangen sind; dabei habe ich gelernt, auf meine innere Stimme zu hören.
… gab es endlich mal wieder ein Konzert mit Klen-Dathu – wenn auch nur akustisch; dabei habe ich gelernt, dass ich Bandkonzerte mag.
… sind wir für eine Woche zum Paddeln nach Bützow gefahren und haben dort Störche, Biber, fliegende Schwäne und eine Menge hektische Enten gesehen; dabei habe ich gelernt, der Stille zuzuhören.
… haben wir vier Schwanenbabys beim Aufwachsen zugesehen; dabei habe ich gelernt, dass die Familie wichtig ist, egal wie.
… habe ich Tina Dico mehrmals live gesehen; dabei habe ich etwas für mein eigenes Musikprojekt gelernt.
… waren wir das erste Mal an der englischen Südküste im VW Bus unterwegs und haben die schönste Landschaft, Seehunde, Wolkenberge, Sonnenuntergänge, Burgen, Tropfsteinhöhlen und echte englische Raben gesehen; dabei habe ich gelernt, dass ich die Küste mehr liebe als alles andere und dass die Briten ein wirklich lustiges Völkchen sind.
… habe ich mich so gefreut, dass Anne nach Hamburg gezogen ist; dabei habe ich gelernt: Wenn man sich etwas ganz doll wünscht, geht es in Erfüllung!
… sahen Anne, mein Mann und ich ein hilfloses, schreiendes Rehkitz und haben über Stunden versucht, es zu retten; dabei ich gelernt, dass man sich lieber auf nette Mitmenschen als auf die Polizei verlassen sollte.
… bin ich mit meiner KSK-Freundin Riesenrad gefahren und habe meine spontane Höhenangst überwunden; dabei habe ich gelernt, dass ein zweiter Versuch sich immer lohnt.
… waren wir auf der at.tention und ich habe jede Minute genossen; dabei habe ich gelernt, dass Kleinkunst das neue Schwarz ist. Basta.
… habe ich zum ersten Mal einen Song als Auftragsarbeit komponiert, der dann aus widrigen Umständen doch nicht zustande gekommen ist; dabei habe ich gelernt, dass es nichts nützt, sich aufzureiben oder verrückt zu machen. Und dass zu viel Ehrgeiz krank macht.
… hat mein Körper einen Rückschlag ausgeführt, der mich für sieben Wochen außer Gefecht gesetzt und halbblind gemacht hat; dabei habe ich mehr gelernt, als ich hier in ein, zwei Sätzen festhalten kann. Nur so viel: Man kann alle möglichen Dinge tun, solange man sie aus den richtigen Gründen tut. Tut man sie aus den falschen, bricht man sich das Bein (oder den Sehnerv).
… haben wir einen Kaminofen gekauft und seitdem fast jeden Abend vorm flackernden Feuer verbracht; dabei habe ich gelernt, dass Feuer mich beruhigt.
… habe ich sieben Wochen zu Hause verbracht, nachgedacht, mich in Hoffnung, Optimismus und Selbstanalyse geübt und die Aufgabe immer noch nicht gelöst; dabei habe ich gelernt, dass Heilung – sei sie seelischer oder körperlicher Natur – viel Zeit, Liebe und Verständnis braucht.
… ist mir bewusst geworden, wer meine wahren Freunde sind, auf wen ich mich wirklich verlassen kann und wer mich nicht nur als Alleinunterhalter oder Psychoschrottabladeplatz benutzt; das habe ich dabei gelernt.
… habe ich gelernt, dass es sich lohnt, Hoffnung zu haben, dass alles seine Zeit braucht, dass die Dinge ihren Weg gehen und man sie dabei begleiten darf, dass das Leben gut ist, egal, was passiert, egal, welche Tiefschläge es bereithält, egal, in welche Richtung es einen verschlägt, dass es wichtige Dinge gibt, denen man sich widmen muss, auch wenn sie einem nicht so wichtig erscheinen, dass es besser ist, allein zu sein, als sich für jemanden zu verbiegen, dass es immer weitergeht.
Ich weiß, wir haben alle immer das Gefühl, dass die Zeit rast und wir kaum noch hinterherkommen. Aber wenn man auf ein ganzes Jahr zurückblickt, stellt man doch fest, dass in der vorbeigerasten Zeit so viel passiert ist. Und das muss doch bedeuten, dass viel Zeit vergangen ist – und uns die Geschwindigkeit vielleicht trügt.
Ich wünsche euch ein schönes, gesundes, Liebe-volles, erfolgreiches, fröhliches Jahr 2012.
♥, Kati
PS: Und hier noch eine musikalische Polemik zum Thema „Kunst“ von Amanda Palmer!







hallo, werte unbekannte -
AntwortenLöschendurch zufall deinen jahresrückblick gefunden. weißte wie? hab bei google ein zitat von hemingway als bild-datei (!)gesucht. gib mal ein: before act listen hemingway - dann kommt in der ersten reihe als drittes bild von links ein foto einer frau. du vielleicht? anyway - da sich die abgebildete optisch sehrsehr an meine schwester erinnert hab ichs angeklickt. gelandet bin ich dann bei deinem jahresrückblick 2011. hab ihn gelesen und mich gefreut. über die gedanken, mit denen ich was anfangen kann. danke für ein paar schöne minuten heute.
herzlich
alice
Hallo liebe Alice!
AntwortenLöschenDas freut mich sehr, vielen Dank!
Und ja, das auf dem Bild, das bin ich - gehört zu meinem Post "Wise words", auch hier zu finden!
Schau gerne wieder vorbei!
Liebe Grüße von Kati